Kreuzgang mit Garten

Das Kloster Wettingen und seine Geschichte

Maris Stella – Meerstern

Das Zisterzienserkloster Wettingen wurde im Jahr 1227 gegründet und erbaut. Ritter Heinrich von Rapperswil hatte das Land auf der Limmathalbinsel von den Herren von Dillingen erworben und stiftete darauf für das eigene Seelenheil ein Kloster. Der Zisterzienserorden – benannt nach der ersten Gründung in Cîteaux (Burgund) – baute seine Klöster in der Abgeschiedenheit der Natur mit dem Anspruch, dass sich ein Kloster durch Landwirtschaft selbst erhalten kann. Insofern war der Standort auf der Wettinger Limmathalbinsel ideal. Der Bau wurde allerdings erst möglich, nachdem das zisterziensiche Generalkapitel und der Bischof von Konstanz ihre Einwilligung gegeben hatten.

Die Quellenlage zur Klostergründung ist sehr dünn. Vielleicht entstand deshalb zur Gründung der Abtei eine Sage: Ritter Heinrich von Rapperswil sei auf der Fahrt ins Heilige Land in Seenot geraten. In seiner Verzweiflung hat er gelobt, im Falle der Errettung ein Kloster zu stiften. Als sich der Sturm gelegt hat, ist ein heller «Meerstern» am Himmel erschienen. Nach seiner Heimkehr vergass der Rapperswiler das Gelübde. Erst als ihm auf einem nächtlichen Ritt der «Meerstern» abermals erschien, kam die Klostergründung zustande.

Aus der Abtei Salem bei Überlingen wurden 12 Mönche losgeschickt und mit dem Bau des Klosters Wettingen beauftragt. Dieses konnte 1256 eingeweiht werden. Die Klostergründung war Teil des feudalen Landesausbaus. So wurde das Kloster einerseits wirtschaftlich ausgebaut – das Kloster betrieb im Raume Wettingen mehrere Meierhöfe und hatte Grundbesitz in Höngg – andererseits war der Abt auch Gerichtsherr im Limmattal. Nach dem Aussterben der Rapperswiler, denen das Kloster Wettingen auch als Grabstätte diente, kam das Kloster 1415 unter eidgenössische Verwaltung.

Reformationszeit

Viel einschneidender wurde aber der verheerende Klosterbrand von 1507, wo das Kloster praktisch bis auf die Grundmauern niederbrannte. Der Wiederaufbau mit Unterstützung der eidgenössischen Orte konnte 1517 abgeschlossen werden. Die Reformation im nahen Zürich wurde für die Abtei aber zu einer weiteren Belastungsprobe.

Eine zweite grosse Blüte erreichte das Kloster unter Abt Peter Schmid II, der der Abtei von 1594 bis 1633 vorstand. Sein Wappen - ein Hammer über einem Dreiberg zwischen Lilien - bezeugt an vielen Orten der Klosteranlage sein Wirken. Schmid veranlasste zahlreiche bauliche Veränderungen und Erweiterungen – so den Einbau des Chorgestühls – welche dem Kloster Wettingen bis heute eine grosse kulturgeschichtliche Bedeutung verleihen.

Revolutionszeit

Die Revolutionszeit unter Napoleon um 1798 überstand die klösterliche Gemeinschaft einigermassen unbeschadet, die Diskussionen um die Stellung der Klöster im Aargau wollten aber nicht mehr abbrechen. Liberalen und radikalen Kräften waren die klösterlichen Gemeinschaften ein Dorn im Auge. Sie glaubten in ihnen das Hauptsymbol des erstarrten, vergangenheitsorientierten Katholizismus zu erkennen.

Auflösung und Exil

Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen wurden alle aargauischen Klöster im Jahre 1841 durch einen grossrätlichen Beschluss aufgelöst. Dem Auflösungsbeschluss ging ein Verfassungsstreit voraus. Die im Aargau beachtete Parität der Religionen wurde aufgehoben. Dadurch erlangten die Reformierten in den politischen Gremien eine Mehrheit. Für den Widerstand der katholischen Bezirke wurden in der Folge die Klöster verantwortlich gemacht.

Der Kanton Aargau setzte die Aufhebung der Klöster mit Waffengewalt durch.
Die heimatlos gewordenen Mönche aus Wettingen siedelten nach Mehrerau über, wo die Zisterziensergemeinschaft heute noch lebt. Mehrerau liegt bei Bregenz (A). Die Abtei wurde 1854 in einem seit 1806 leerstehenden Kloster eingerichtet.

Kupferstich der Klosterhalbinsel

Lehrerseminar

Die Gebäude des Klosters auf der Limmathalbinsel wurden darauf in ein Lehrerseminar mit Internatsbetrieb umgewandelt. Erster Seminardirektor war Augustin Keller (1805 - 1883). Der Reformkatholik gehörte zu den schärfsten Kritikern des Katholizismus und war zur Hauptsache für die vorausgegangene Klosteraufhebung verantwortlich. Zu den Ironien der Geschichte ist zu zählen, dass er sechs Jahre nach der Schliessung des Klosters die Abtwohnung übernahm. Keller wurde später Erziehungsdirektor, National- und Ständerat. Historisch gewürdigt wird insbesondere sein Einsatz für die Emanzipation der Juden.

Kantonsschule Wettingen

1976 wurde aus dem Lehrerseminar die Kantonsschule Wettingen. Seit der Einführung der neuen Maturitätstypen im Jahre 1998 ist die Angebotspalette markant gestiegen. Noch immer ist das «Kloster» zwar für seine bildnerisch-musische Ausrichtung bekannt, der Fächerkanon entspricht in der Zwischenzeit aber weitgehend jenem anderer Gymnasien. Heute unterrichten ca. 150 Lehrpersonen ungefähr 1’100 Schülerinnen und Schüler im Gymnasium und in der Fachmittelschule.

Internationales Kulturgut

Die Klosteranlage gilt als Kulturgut internationalen Ranges. Das Archiv und die Bibliothek sind heute im Staatsarchiv und in der Kantonsbibliothek in Aarau der Öffentlichkeit zugänglich.